ADHS: Immer neu und nichts für immer

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“Du fängst immer was an und kannst dann nicht durchhalten.” Den Satz habe ich in meinem Leben so oft gehört und mir selber die Frage gestellt: “Warum stürze ich mich immer in Neues und halte dann nicht durch.”

Ich finde etwas Neues – Hobby, Job, Interessengebiet – und plötzlich fühlt es sich an wie “Endlich habe ich es gefunden.” Ich glaube immer fest daran, dass es nun wirklich das ist was ich durchhalten möchte – ernsthaft, intensiv. Doch dann passiert es: Es bricht die Energie weg – unverhofft, oft abrupt, nicht schleichend. Und ich steige aus.

Von außen mag es aussehen wie mangelnde Disziplin, fehlendes Durchhaltevermögen, “schon wieder etwas Neues”. Ich selbst fühle es ganz anders.

Hier geht es nicht um “keine Lust” oder “Ich will nicht”. Es geht um ein Nervensystem, das sehr sensibel auf Druck und Anforderungen reagiert.

Am Anfang eines Projekts empfinde ich oft Freiheit, Offenheit, keine Erwartungen, kein Müssen. Es fühlt sich ganz sicher an. Mit der Zeit entsteht aber etwas anderes: Ein inneres “Ich-sollte-jetzt…”, ein Anspruch, eine Erwartung, manchmal durch mich selber. Und dann kippt es.

Das Projekt war nicht falsch, sondern sollte plötzlich zu viel tragen: Hoffnung, Lösung, Identität, “jetzt muss es funktionieren”. Mein Nervensystem reagiert darauf nicht mit Logik, sondern mit Schutz. Nicht als Entscheidung, sondern als Überlebensreaktion.

Das fühlt sich im Nachhinein an wie: “Schon wieder versagt”, “Ich ziehe nichts durch”, “Mit mir stimmt etwas nicht”. Das ist eine Fehleinschätzung und die richtige Aussage wäre: “Mein Nervensystem reagiert auf wahrgenommenen Zwang.” Auch dann, wenn der Zwang von innen kommt. Regulation vor Entscheidung – Halt vor Ziel.

Die entscheidende Frage muss heißen: “Wie kann ich Neues erleben, ohne dass daraus ein Muss, ein Beweis oder eine Dauerleistung wird?” Wir ADHSler haben gelernt, uns über Neues zu regulieren (Stichwort Dopamin) und brechen zusammen, wenn daraus Druck entsteht.

Hier hilft nicht mehr Druck, sondern mehr Sicherheit, mehr Wahlfreiheit, mehr Zeit.

Dieses Muster bei ADHS (und Autismus) hat einen Namen: Demand Avoidance (DA)

Demand Avoidance (DA), oft als Pathological Demand Avoidance (PDA) bekannt, ist eine Verhaltensweise, bei der Personen (häufig bei Autismus und ADHS) einen extremen, angstgetriebenen Widerstand gegen Anforderungen entwickeln, selbst gegen solche, die sie eigentlich möchten; bei ADHS liegt der Ursprung oft in Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen, während PDA stärker eine panikartige Reaktion auf Kontrollverlust ist, die auch bei ADHS auftreten kann und durch eine hohe Autonomieanforderung gekennzeichnet ist. 

Merkmale von Demand Avoidance bei ADHS (DA)

Emotionale Belastung: Führt zu Scham, Schuld und Frustration, da Erwartungen oft unerfüllt bleiben. 

Pathological Demand Avoidance (PDA)

Kernmerkmal: Ein zwanghafter Widerstand gegen Anforderungen, der aus einer tiefen Angst vor Kontrollverlust entsteht, wie Healthline berichtet.

Strategien: Nutzung von Ablenkung, Humor, Verhandlungen oder sozialer Anpassung, um Anforderungen zu umgehen, was oft über typische Trotzreaktionen hinausgeht.

Verbindung zu ADHS: Jüngste Forschung legt nahe, dass PDA bei Personen mit ADHS häufiger vorkommt als bei Autismus. 

Ursprung: ADHS-bedingte Vermeidung ist oft funktional (schwierig auszuführen), während PDA eine emotionale Stressreaktion ist (möchte nicht kontrolliert werden).

Überlappung: Beide können zu ähnlichem Verhalten führen; PDA gilt aber als spezifisches Profil, das sich nicht nur auf Autismus beschränkt. 


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